Alltag · 6 Minuten Lesezeit
Elektromobil für Senioren: was es für die Gesundheit leistet und was nicht
Ein Elektromobil für Senioren macht nicht gesund. Es hält die Wege offen, an denen die Kontakte hängen. Was dazu belegt ist und was nicht.
Von Steven Schulz · Stand:
Ein Elektromobil macht niemanden gesund. Es bewegt Sie nicht, es fährt Sie. Wer etwas anderes verspricht, verkauft etwas. Der ehrliche Nutzen liegt woanders, und er ist größer als der versprochene: Ein Seniorenmobil hält die Wege offen, an denen Ihre Kontakte hängen. Den Weg zum Einkauf, zur Kirche, zum Friedhof, zum Verein, zu den Nachbarn zwei Straßen weiter. Wer diese Wege verliert, verliert nach einigen Monaten die Menschen daran. Und genau das lässt sich verhindern.
Warum Fahren keine Bewegung ist
Die Weltgesundheitsorganisation hat 2020 Empfehlungen zu körperlicher Aktivität veröffentlicht. Für Menschen ab 65 Jahren nennt sie 150 bis 300 Minuten Bewegung mittlerer Intensität in der Woche. Dazu kommt eine zweite Empfehlung, die nur für diese Altersgruppe gilt: an mindestens drei Tagen in der Woche ein Training, das Gleichgewicht und Kraft anspricht, ausdrücklich mit dem Ziel, die Funktionsfähigkeit zu erhalten und Stürzen vorzubeugen.
Auf dem Sitz eines Elektromobils erfüllen Sie davon nichts. Das ist kein Vorwurf an das Fahrzeug, sondern eine Beschreibung. Ein Krankenfahrstuhl ersetzt Gehstrecke, er erzeugt keine.
Daraus folgt die einzige Empfehlung dieses Artikels, die den Körper betrifft: Nutzen Sie das Fahrzeug so, dass es Ihre Gehstrecke verlängert, nicht so, dass es sie abschafft. Wer bisher fünfzig Meter bis zur Haustür schafft und keinen Meter weiter, kommt mit dem Elektromobil zu einem Ziel, an dem er wieder fünfzig Meter geht. Das sind hundert Meter mehr als vorher, nicht weniger. Wer dagegen bis vor die Ladenkasse fährt, weil es geht, hat am Ende weniger Gehstrecke als ohne Fahrzeug.
Was wirklich auf dem Spiel steht
Die belastbaren Zahlen liegen nicht bei der Beweglichkeit, sondern bei den Kontakten. Die Weltgesundheitsorganisation nennt auf ihren Seiten zu sozialer Isolation und Einsamkeit eine Betroffenheit von etwa einem Sechstel der Weltbevölkerung; bei älteren Menschen gibt sie 11,8 Prozent an. Und sie ordnet der Einsamkeit rund 870.000 Todesfälle im Jahr zu. Einsamkeit ist dort nicht als Stimmung beschrieben, sondern als Gesundheitsproblem mit Folgen für Lebenserwartung und Lebensqualität.
Jetzt die Grenze, an der dieser Artikel ehrlich bleiben muss: Dass ein Elektromobil Einsamkeit verhindert, ist nicht untersucht. Es gibt dazu keine Studie, die man zitieren könnte, und wer eine zitiert, hat sie sich ausgedacht.
Belegt ist das eine Ende der Kette: Einsamkeit schadet. Offensichtlich ist das andere: Kontakte hängen an Wegen. Ein Besuch, der eine halbe Stunde Fußweg kostet, den Sie nicht mehr haben, findet nicht statt. Ein Verein, dessen Haus Sie nicht mehr erreichen, ist kein Verein mehr für Sie. Was ein Fahrzeug leistet, ist die Wiederherstellung dieser Wege. Was daraus folgt, entscheidet sich nicht am Fahrzeug, sondern daran, ob Sie losfahren.
Was das Gesetz verspricht und was nicht
Es ist aufschlussreich, wie die gesetzliche Krankenversicherung selbst über Hilfsmittel spricht. § 33 Absatz 1 Satz 1 SGB V gibt Versicherten Anspruch auf Hilfsmittel, die im Einzelfall erforderlich sind, "um den Erfolg der Krankenbehandlung zu sichern, einer drohenden Behinderung vorzubeugen oder eine Behinderung auszugleichen".
Von Gesundheitsförderung steht dort nichts. Von Lebensqualität, Wohlbefinden oder Teilhabe an der Kultur steht dort nichts. Ein Elektromobil ist in dieser Logik ein Ausgleich: Es ersetzt eine Funktion, die fehlt.
Das hat eine praktische Folge für Ihren Antrag. Wer mit Lebensfreude begründet, begründet an der Norm vorbei. Die Kassen prüfen, ob das Fahrzeug die alltäglichen Wege im Nahbereich der Wohnung erschließt. Wie das im Einzelnen läuft, steht in Elektromobil über den Arzt verordnen und in Antrag bei der Krankenkasse.
Zwei Punkte aus derselben Vorschrift werden dabei oft übersehen, obwohl sie ausdrücklich dort stehen. Der Anspruch umfasst nach § 33 Absatz 1 Satz 5 SGB V auch "die Ausbildung in ihrem Gebrauch" und, soweit zum Schutz vor unvertretbaren gesundheitlichen Risiken erforderlich, die notwendigen Wartungen und technischen Kontrollen. Eine Einweisung ist also kein Entgegenkommen des Sanitätshauses. Sie ist Teil der Leistung, und sie ist der wirksamste Beitrag zur Sicherheit, den es gibt.
Drei Sätze, die oft stehen und die nicht belegt sind
In Texten über Elektromobile und Gesundheit stehen immer wieder dieselben drei Behauptungen. Keine davon lässt sich stützen:
- "Mehr frische Luft und dadurch mehr Vitamin D." Dass Vitamin D unter Sonnenlicht in der Haut entsteht, ist unbestritten. Dass sich der Vitamin-D-Spiegel von Elektromobilfahrern dadurch messbar verbessert, ist nicht untersucht. Wer einen Mangel vermutet, lässt ihn beim Arzt messen, statt sich darauf zu verlassen.
- "Weniger Depressionen, bessere Stimmung." Es gibt keine Untersuchung zu Elektromobilen, die das zeigt. Eine seelische Erkrankung ist behandelbar, und ein Fahrzeug ist keine Behandlung.
- "Mein Arzt ist begeistert, meine Werte haben sich verbessert." Solche Sätze stehen auf Verkaufsseiten in Anführungszeichen mit einem Vornamen und einer Altersangabe dahinter. Sie belegen nichts, auch wenn sie wahr sein können.
Ebenfalls kein Gesundheitsargument, sondern eine Verordnungsfrage: die Liste der Erkrankungen, bei denen ein Elektromobil "hilft". Ob in Ihrem Fall ein Hilfsmittel angezeigt ist, entscheidet nicht eine Liste im Internet, sondern der Arzt, der Sie kennt.
Was der Nutzen für Angehörige bedeutet
Wenn Sie das für Ihre Mutter oder Ihren Vater lesen, ist die nüchternste Frage die hilfreichste: Welche drei Wege sind in den letzten zwei Jahren weggefallen? Nicht "wäre schön", sondern konkret weggefallen. Wenn Sie diese drei Wege benennen können, haben Sie gleichzeitig die Begründung für den Antrag und den Maßstab, an dem sich später zeigt, ob das Fahrzeug etwas verändert hat. Weitere Punkte dazu stehen in Elektromobil für Angehörige.
Und rechnen Sie mit Widerstand. Ein Elektromobil ist sichtbar, und viele Menschen sehen darin das Eingeständnis, alt zu sein. Dagegen hilft kein Gesundheitsargument, sondern ein einzelner Weg, der wieder möglich wird und der jemandem wichtig ist.
Was Sie jetzt tun können
- Schreiben Sie die drei Wege auf, die weggefallen sind, mit Entfernung und Ziel. Diese Liste ist die Grundlage für alles Weitere, vom Arztgespräch bis zur Auswahl des Fahrzeugs.
- Legen Sie fest, wo Sie künftig zu Fuß gehen wollen – etwa die letzten fünfzig Meter bis zur Ladentür. Halten Sie das schriftlich fest, sonst verschwindet es im Alltag.
- Fragen Sie beim Arzt nach einem Angebot für Kraft und Gleichgewicht in Ihrer Nähe. Diese Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation betrifft drei Tage in der Woche, und sie bleibt gültig, auch wenn Sie ein Fahrzeug haben.
- Bestehen Sie auf der Einweisung. Sie steht Ihnen nach § 33 Absatz 1 SGB V zu, und wer sicher fährt, bleibt länger unterwegs; was dabei tatsächlich gefährlich wird, steht in Kippsicher fahren.
- Planen Sie die erste Fahrt zu einem Menschen, nicht zu einem Geschäft. Wie sich ein Tag mit dem Fahrzeug einteilen lässt, steht in Elektromobil im Alltag.