Technik · 6 Minuten Lesezeit
Drei oder vier Räder: Wendekreis gegen Kippsicherheit
Dreirädrige Elektromobile wenden enger, vierrädrige stehen sicherer. Woran das mechanisch liegt und wie Sie anhand Ihrer Wege entscheiden.
Von Steven Schulz · Stand:
Drei Räder wenden enger, vier Räder stehen sicherer. Beides steht so ähnlich im Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbandes, und beides ist kein Werturteil, sondern Geometrie. Welche Bauart für Sie die richtige ist, entscheidet deshalb nicht eine Rangliste, sondern die engste Stelle auf Ihren täglichen Wegen und der Untergrund, auf dem Sie unterwegs sind.
Was der Unterschied mechanisch ist
Beim dreirädrigen Elektromobil überträgt die Lenksäule die Lenkbewegung über eine Lenkgabel auf ein einzelnes Vorderrad. Beim vierrädrigen läuft sie über Spurstangen und Lenkhebel auf zwei Vorderräder. So beschreibt es das Hilfsmittelverzeichnis in den Produktarten 18.51.05.0 und 18.51.05.1.
Aus dieser Bauweise folgt beides zugleich. Ein einzelnes Rad lässt sich weiter einschlagen als ein Räderpaar, das durch Spurstangen verbunden ist und in Radkästen Platz braucht. Daher der engere Wendekreis.
Für die Standsicherheit zählt eine andere Fläche: die Fläche zwischen den Punkten, an denen die Räder den Boden berühren. Bei drei Rädern ist das ein Dreieck, bei vier Rädern ein Viereck. Solange Ihr Gewicht über dieser Fläche bleibt, steht das Fahrzeug. Wandert es über eine Kante hinaus, kippt es. Beim Dreieck läuft die Fläche nach vorn in eine Spitze zusammen, und genau dorthin verlagert sich das Gewicht, wenn Sie in einer Kurve bremsen oder über eine Bordsteinkante fahren. Deshalb ist die Reserve dort am kleinsten.
Die Zeichnung oben zeigt beide Grundrisse im gleichen Maßstab. Die Proportionen sind typisch, keine Messwerte eines bestimmten Modells – die echten Zahlen stehen im Datenblatt.
Was das Hilfsmittelverzeichnis wörtlich sagt
Die amtlichen Produktbeschreibungen sind hier ungewöhnlich klar. Zu den dreirädrigen heißt es, sie wiesen „eine sehr hohe Wendigkeit auf“ und „aufgrund ihrer Fahrgestellgeometrie in der Regel eine geringere Standsicherheit gegenüber gleichgroßen 4-rädrigen Elektromobilen“. Zu den vierrädrigen heißt es, sie wiesen „eine hohe Wendigkeit“ und „in der Regel eine höhere Standsicherheit gegenüber gleichgroßen 3-rädrigen“ auf.
Bemerkenswert ist der Satz, der bei beiden Bauarten steht: „Aufgrund der manuellen Übertragung der Lenkbewegungen kann es bei abrupten Lenkmanövern jedoch zu einem Kippen des Fahrzeuges kommen.“ Vier Räder sind also kein Freibrief für hastige Lenkbewegungen. Der wichtigste Beitrag zur Kippsicherheit bleibt in beiden Fällen die Art, wie gefahren wird.
Ebenfalls für beide Bauarten notiert das Verzeichnis zwei Einschränkungen, die im Alltag mehr wiegen als jeder Prospekt: Einen Tisch kann man mit einem Elektromobil nicht unterfahren, und Türen, die man von Hand öffnen muss, sind „in der Regel ohne Hilfestellung Dritter nicht“ zu passieren.
Der Wendekreis ist eine Zahl, die Sie nachmessen können
Den Wendekreis nennt jedes ordentliche Datenblatt. Nutzlos ist er, solange Sie ihn nicht mit Ihrer Wohnung vergleichen. Messen Sie deshalb vorher, mit einem Zollstock:
- die Türbreite dort, wo es am engsten ist, auch am Aufzug,
- die Breite des Flurs an der Stelle, an der Sie wenden müssen,
- den Abstand zwischen Hauswand und Gartentor oder Zaun,
- die Rampe, den Kellerabgang oder die Stelle, an der das Fahrzeug später steht.
Nehmen Sie den kleinsten dieser Werte als Ihre Messlatte. Wenn der Wendekreis im Datenblatt darüber liegt, hilft kein guter Willen: Dann brauchen Sie entweder die dreirädrige Bauart oder einen anderen Weg.
Das Hilfsmittelverzeichnis verlangt vom Leistungserbringer übrigens ausdrücklich, das Hilfsmittel „bei Bedarf am Einsatzort zu erproben“. Bestehen Sie darauf. Eine Probefahrt auf dem Parkplatz des Sanitätshauses sagt nichts über Ihren Hausflur.
Die vier Bauarten, die im Verzeichnis stehen
In der Produktuntergruppe 18.51.05 „Elektromobile“ gibt es vier Produktarten. Das ist nützlich zu wissen, weil Ihr Arzt genau diese Produktart auf die Verordnung schreiben kann:
- 18.51.05.0 Elektromobile, 3-rädrig
- 18.51.05.1 Elektromobile, 4-rädrig
- 18.51.05.2 Elektromobile, 4-rädrig, verstärkte Ausführung – dafür verlangt das Verzeichnis eine Belastbarkeit von mehr als 160 bis 200 Kilogramm und eine Sitzbreite, die bis 70 Zentimeter einstellbar ist
- 18.51.05.3 Elektromobile, vierrädrig, mit indirekter Lenkung, zerlegbar – mit omnidirektionalen Vorderrädern und modularem, faltbarem oder zerlegbarem Aufbau
Die letzte Bauart ist die Antwort für alle, die das Fahrzeug regelmäßig im Auto mitnehmen wollen. Dazu passt Elektromobil im Auto transportieren und klappbar und zerlegbar.
Was für beide Bauarten gilt
Die Qualitätsanforderungen der Untergruppe 18.51.05 gelten unabhängig von der Radzahl. Dazu gehören unter anderem ein gefedertes Fahrwerk oder ein gefederter Sitz, ein Fahrwerk mit Ausgleichvorrichtung für Fahrbahnunebenheiten, Spritzschutz an allen Rädern, Feststell- und Betriebsbremse gemäß StVZO, Beleuchtung gemäß StVZO, ein Rückspiegel, eine Akkukontrollanzeige, eine Schiebemöglichkeit, eine Sicherungseinrichtung gegen unbefugte Benutzung, höchstens ein Sitzplatz und eine Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf 6 km/h.
Geprüft wird die Haltbarkeit nach EN 12184 in der Ausgabe 12/2022, unter anderem auf statische Festigkeit, Stoß- und Dauerfestigkeit sowie die Bremsfunktionen. Wenn ein Angebot diese Norm nennt, ist das ein echtes Zeichen; wenn es „geprüfte Qualität“ nennt, ist es keines.
Und noch eine Anforderung, die viele beim Kauf übersehen: Das Verzeichnis setzt voraus, dass „eine wetterfeste und diebstahlsichere Abstellmöglichkeit“ vorhanden ist, samt Auflademöglichkeit. Klären Sie das, bevor Sie sich auf eine Bauart festlegen – vierrädrige Fahrzeuge sind meist größer und brauchen mehr Platz.
Wie Sie sich entscheiden
Es gibt kein allgemein besseres Fahrzeug. Es gibt eine bessere Passung:
- Für drei Räder sprechen enge Wohnungen, schmale Flure, ein kleiner Aufzug, viel Innenraumfahren, häufiges Rangieren in Läden.
- Für vier Räder sprechen unbefestigte Wege, Kopfsteinpflaster, Steigungen, Bordsteinkanten, ein höheres Körpergewicht, eine schwere Zuladung und langes Fahren am Stück.
Wenn beides zutrifft – enge Wohnung und raue Wege –, dann gewinnt in der Regel die Sicherheit, und der Weg durch die Wohnung wird anders gelöst: mit einem Abstellplatz vor der Tür statt im Flur.
Welche Bauarten gerade angeboten werden, sehen Sie in der Trefferliste. Und was beim Fahren tatsächlich zu Stürzen führt, steht in Sturzprävention.
Was Sie jetzt tun können
- Messen Sie mit dem Zollstock Ihre engste Tür, Ihren Wendepunkt im Flur und den Weg zum Abstellplatz. Schreiben Sie die Zahlen auf einen Zettel.
- Vergleichen Sie diese Zahlen mit dem Wendekreis im Datenblatt, nicht mit dem Gefühl beim Probesitzen.
- Prüfen Sie die angegebene Belastbarkeit gegen Ihr Gewicht plus Einkauf plus Gehhilfe. Reicht sie knapp nicht, ist die verstärkte Ausführung 18.51.05.2 das richtige Stichwort.
- Bestehen Sie auf einer Erprobung am Einsatzort, also bei Ihnen, nicht im Ausstellungsraum.
- Klären Sie den wetterfesten, abschließbaren Abstellplatz mit Steckdose, bevor Sie sich für eine Größe entscheiden. Die Punkte für den Kauftermin stehen in der Checkliste für die Besichtigung.