Alltag · 6 Minuten Lesezeit
Ausflüge im Alten Land: die Tour nach der Restreichweite planen
Das Alte Land ist flach, aber die Deiche sind es nicht. Wie Sie eine Tour nach der Reichweite Ihres Seniorenmobils planen und was vorher zu klären ist.
Von Steven Schulz · Stand:
Eine Rundtour von achtzehn Kilometern ist keine Angabe über die Strecke, sondern eine Frage an Ihr Fahrzeug. Wer fünfundvierzig Kilometer Restreichweite hat, fährt sie ohne nachzudenken. Wer fünfundzwanzig hat, fährt dieselbe Strecke mit sieben Kilometern Rest – und der Rest ist genau das, was eine Umleitung, ein Gegenwind auf dem Deich und ein Umweg um eine Baustelle kosten. Deshalb beginnt jeder Ausflug im Alten Land mit einer Zahl und nicht mit einem Ziel.
Warum die Gegend passt und wo sie täuscht
Das Alte Land liegt im Landkreis Stade an der Elbe, südwestlich von Hamburg. Der Tourismusverband nennt rund 10.000 Hektar Obstanbaufläche, davon etwa 90 Prozent Apfel, und eine Ernte von rund 250.000 Tonnen im Jahr; es ist das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Nordeuropas. Für ein Elektromobil ist das günstig: Marschland ist flach, die Wirtschaftswege zwischen den Obsthöfen sind meist befestigt, und außerhalb der Ortsdurchfahrten ist wenig Verkehr.
Zwei Dinge täuschen trotzdem.
Das Erste ist der Deich. Die Deiche prägen diese Landschaft seit dem Mittelalter, und sie sind die einzigen Steigungen, die es hier gibt. Eine Deichauffahrt ist kurz und steil, und die Deichflanke ist ein seitliches Gefälle – also genau die Lage, in der ein Elektromobil kippt. Fahren Sie Auffahrten gerade an, bleiben Sie oben auf dem Weg und nicht auf der Schräge, und halten Sie nicht mitten auf der Rampe an. Warum das so ist, steht in Warum ein Elektromobil kippt.
Das Zweite ist der Wind. In der offenen Marsch gibt es nichts, was ihn bremst. Gegenwind kostet Reichweite, und wie viel, hängt vom Fahrzeug ab; verlässlich ist nur, dass der Rückweg anders wird als der Hinweg, wenn sich der Wind dreht. Planen Sie den Hinweg deshalb möglichst gegen den Wind und den Rückweg mit ihm.
Die Rechnung vor der Tour
- Nehmen Sie nicht die Prospektreichweite, sondern die Strecke, die Sie schon einmal an einem Tag gefahren sind, ohne dass die Anzeige in den letzten Balken fiel. Was dahintersteckt, steht in Reichweite realistisch einschätzen.
- Ziehen Sie ein Viertel als Reserve ab – für Kälte, Gegenwind, Umwege und die Deichauffahrten.
- Teilen Sie den Rest in zwei Hälften: Hinweg und Rückweg. Die Hälfte ist Ihr Wendepunkt.
- Messen Sie die geplante Strecke auf einer Karte nach und rechnen Sie die Wege innerhalb der Orte dazu. Sie sind länger, als sie aussehen, weil man den Eingang nicht immer auf der Seite findet, auf der man ankommt.
Wer damit auf eine kürzere Tour kommt als geplant, hat nicht schlechter geplant, sondern richtig. Die Alternative heißt, unterwegs zu warten, und eine Steckdose ist auf einem Wirtschaftsweg zwischen zwei Obsthöfen nicht in Sicht.
Welche Orte es gibt
Die folgenden Ortschaften und Ziele gibt es und sie sind leicht zu finden. Über ihre Zugänglichkeit sagen die Seiten der Gemeinden und des Tourismusverbandes nichts – also steht hier auch nichts darüber. Rufen Sie an, bevor Sie hinfahren:
- Jork, der größte Ort des Alten Landes, mit dem Rathaus Am Gräfengericht, dem Museum Altes Land, der Mühle Aurora und der St.-Matthias-Kirche. In Jork gibt es außerdem einen Rundweg mit fünfundzwanzig Infotafeln zur Geschichte des Ortes.
- Steinkirchen mit der St.-Marien-Kirche.
- Grünendeich mit dem Lühe-Anleger, von dem aus man den Schiffsverkehr auf der Elbe sieht, und einem Planetarium.
- Twielenfleth mit der Windmühle Venti Amica.
- Borstel mit dem Museumshafen und der Borsteler Mühle.
- Estebrügge mit dem Museum und der Drehbrücke.
Die Fernradwege, die durch die Gegend führen, heißen Elberadweg, Nordseeküstenradweg und Mönchsweg; dazu kommt der Obstrundweg. Dass ein Weg als Radweg ausgewiesen ist, sagt nichts über seine Oberfläche und nichts über seine Breite an der engsten Stelle. Sehen Sie sich ein neues Stück deshalb erst an, bevor Sie es einplanen – zu Fuß, mit dem Auto oder mit jemandem, der es kennt.
Die Fähre Lühe–Schulau, und was daran wichtig ist
Von Lühe in Grünendeich fährt eine Fähre über die Elbe nach Schulau in Wedel, die Überfahrt dauert etwa fünfundzwanzig Minuten. Mitgenommen werden Fußgänger und Fahrräder. Ob Ihr Elektromobil mitfahren kann, hängt vom Platz an Bord ab; fragen Sie vorher beim Betreiber und verlassen Sie sich nicht darauf, dass es beim letzten Mal geklappt hat.
Wichtiger ist ein Hinweis, den der Betreiber selbst gibt: Bei Niedrigwasser weist der Steg in Lühe ein höheres Gefälle auf. Für einen Fußgänger ist das eine Unbequemlichkeit, für ein Elektromobil eine Rampe mit unbekanntem Winkel. Fragen Sie nach dem Tidenstand zu Ihrer Überfahrtszeit und nach Hilfe beim Übergang. Der Fahrplan wechselt mit der Saison; prüfen Sie ihn am Tag vor der Fahrt.
Was der Radwanderbus leistet und was nicht
Zwischen Hamburg-Finkenwerder und Balje an der Elbmündung fährt an Wochenenden und Feiertagen ein Bus, der Fahrräder mitnimmt. Er hat 46 Sitzplätze und 15 Fahrradplätze, und der Betreiber sagt ausdrücklich: Es gibt keinen Anspruch auf Mitnahme und keine Reservierungsmöglichkeit.
Für ein Elektromobil ist das damit kein Rückweg, auf den man sich verlassen kann. Wer eine Strecke nur in eine Richtung fahren will, braucht eine verbindliche Rückfahrt – jemanden, der abholt, oder ein Fahrzeug mit genug Reichweite für beide Richtungen. Wie die Mitnahme in Bus und Bahn überhaupt geregelt ist, steht in Elektromobil in Bus und Bahn mitnehmen.
Die Jahreszeiten, nüchtern betrachtet
Die Blüte liegt im Frühjahr, die Ernte im Spätsommer und Herbst; danach richten sich auch die Feste der Region. Für die Fahrt selbst ist etwas anderes wichtiger: Im Frühjahr und Herbst wird es früh dunkel und die Wege sind feucht, im Sommer ist die Marsch schattenlos. Nehmen Sie im Sommer Wasser mit und fahren Sie nicht in der Mittagshitze; im Herbst schalten Sie das Licht früher ein, als Sie es brauchen. Was dazu Vorschrift ist, steht in Zubehör fürs Elektromobil.
Was Sie jetzt tun können
- Ermitteln Sie Ihre nutzbare Reichweite, ziehen Sie ein Viertel Reserve ab und halbieren Sie den Rest. Diese Zahl ist die größte Entfernung, die Sie ansteuern dürfen.
- Messen Sie die geplante Tour auf einer Karte nach und rechnen Sie die Wege in den Orten dazu.
- Rufen Sie bei jedem Ziel an, das Sie zum ersten Mal ansteuern, und fragen Sie nach Stufe, Türbreite in Zentimetern und einem Platz für das Fahrzeug.
- Fragen Sie vor einer Fährfahrt nach Mitnahme, Fahrplan und Tidenstand – das Gefälle am Steg ist die eigentliche Hürde.
- Legen Sie die Rückfahrt fest, bevor Sie losfahren, und zwar so, dass sie nicht von einem freien Platz in einem Bus abhängt. Wie sich der Tag im Übrigen einteilen lässt, steht in Elektromobil im Alltag.